Einblickegeistige Impulse

Mutmach-Lieder aus dem Gotteslob – Teil 1

By 27. März 2020 No Comments

Lieder begleiten unser Leben. Bei vielen Kinderliedern, wie z.B. „Alle meine Entchen“, wissen wir noch nicht einmal, wann und wie wir sie gelernt haben. Es gibt Lieder, mit denen wir besondere Erinnerungen verbinden: das erste Verliebtsein, die Hochzeit, ein wunderschöner Urlaub, der Tod eines geliebten Angehörigen… . Selbst Menschen, die an Demenz erkrankt sind, können oft noch fehlerfrei die Lieder singen, die ihnen in früheren Jahren vertraut waren.

Lieder begleiten auch unser Glaubensleben. Sie trösten und geben Halt. Sie machen Mut und geben Kraft. Sie drücken den Glauben nicht nur aus, sondern stärken ihn auch. Ohne Lieder wäre unser Glaube viel ärmer. In loser Reihenfolge möchte ich Ihnen in den nächsten Wochen bekannte und gern gesungene Lieder aus dem Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ vorstellen. Es sind Lieder, die uns in dieser schwierigen Zeit der Corona-Krise Mut machen können. Oftmals singen wir sie, ohne genau auf den Text zu achten. Die Lieder aus dem Gotteslob sind aber geradezu eine Schatzkiste an Glaubenserfahrungen, die uns frühere Generationen hinterlassen haben. Es lohnt sich deshalb, genauer hinzuschauen und hinzuhören.

„Maria breit den Mantel aus“ – Gotteslob Nr. 534

Musikvideo mit Texteinblendung: https://www.youtube.com/watch?v=K6mfj9cqwyU

Nur Text: https://www.evangeliums.net/lieder/lied_maria_breit_den_mantel_aus.html

Schutzkleidung ist in der Corona-Krise ein großes Thema. Darum geht es auch in einem der beliebtesten Marienlieder – allerdings in einem ganz anderen Sinn. „Maria breit den Mantel aus“ könnte um 1620 in Böhmen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges entstanden sein, der damals 1/3 der europäischen Bevölkerung das Leben kostete. 1640 ist es auf einem Flugblatt aus Innsbruck bezeugt und umfasst damals sage und schreibe 29 (!) Strophen. Später geriet das Lied weitgehend in Vergessenheit. Eine Wiedergeburt erlebte es im 19. Jahrhundert als „Kampflied“ der Katholiken gegenüber dem protestantisch geprägten deutschen Kaiserreich. Die Jesuiten Guido Dreves und Joseph Mohr veröffentlichten jeweils eine eigene Fassung. Als die Kirchenlieddichter Georg Thurmair und Adolf Lohmann 1934, zu Beginn der NS-Zeit, das Beste aus beiden Versionen kombinierten, gelang dem Lied der endgültige Durchbruch.

Das Bild des schützenden Mantel Mariens klingt bereits im ältesten Mariengebet der Christenheit an: „Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesmutter“ (3. Jhdt., Gotteslob 5,7). Das Mittelalter kennt in der bildenden Kunst die Darstellung der „Schutzmantelmadonna“, unter deren Umhang die Gläubigen vor der drohenden Gefahr fliehen. Dieses Motiv war in Zeiten des Krieges und der Pest besonders verbreitet. Dahinter steckt der mittelalterliche Rechtsbrauch des Mantelschutzes: Wer jemand unter seinen Mantel nahm, gewährte ihm Rechtschutz und Asyl – und unehelichen Kindern die gleichen Rechte wie den ehelichen! Die Anrufung Mariens als „Patronin“ hat einen ähnlichen Sinn: schon zu römischer Zeit war der Patron für den Schutz seiner Untergebenen verantwortlich. 

Die zweite Strophe betont die Weite des Schutzmantels Mariens: er ist nicht nur „Zuflucht“, sondern sogar „Gezelt“. „Zelt“ und „Gezelt“ verhalten sich zueinander wie „Berg“ zu „Gebirge“. Marias Mantel wird hier geradezu als eine „Zeltstadt“ bezeichnet. Wer denkt da nicht an die Flüchtlingslager unserer Tage? 

Der dritten Strophe merkt man noch die Entstehung in Kriegszeiten an. Da ist die Rede von „Streit“ und vom „Feind“. Unwillkürlich fragt man sich, wer heute unsere „Feinde“ sind. Sie müssen nicht immer aus Fleisch und Blut sein! 

In der vierten Strophe wird Maria als „Mutter der Barmherzigkeit“ angerufen. Dieser wunderbare Titel ist dem eintausend Jahre alten Marienlied „Salve Regina“ (Gotteslob 666.4) entlehnt, das wir im Deutschen als „Gegrüßet seist du Königin“ (Gotteslob 536) singen. Maria ist nach der Bibel „voll der Gnade“. Deshalb ist sie wie eine Fensterscheibe durchlässig für das Licht der Barmherzigkeit Gottes. Als Christen dürfen wir in all unseren Nöten zu ihr unsere Zuflucht nehmen. Das haben die Menschen immer gewusst: Ob Krieg, Pest, Hunger, Seuchen, Krankheit oder persönliches Unglück: Unter dem Schutz Mariens sind wir gut aufgehoben. Sie hat ein mütterliches Herz für uns alle!

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihr 

Pater Hans-Georg Radina C.M.

Bild: Martin Manigatterer
In: Pfarrbriefservice.de