„Lippstadt – Es ist kurz nach 19 Uhr, als Pfarrer Thomas Wulf am Mittwochabend in St. Joseph ans Mikrofon tritt – und der mächtige Kirchenraum schon gut gefüllt ist. Rund 170 Menschen sind gekommen: Kirchenvorstände, Pfarrgemeinderäte, Ehrenamtliche, Vertreter aus Politik, Vereinen und Institutionen, Gläubige. Man spürt sofort: Auch das zweite „Immobilien-Bild“ der katholischen Kirche wird kein neutraler Verwaltungstermin, sondern ein Abend, an dem es erneut um Emotionen, Identität und die Frage geht, wie Kirche in Zukunft überhaupt noch aussehen kann.
Wulf spricht das aus, was viele bedrückt: „Veränderung verunsichert, verständlicherweise.“ Aber er setzt auch einen anderen Ton: Kirche werde sich verändern müssen – kleiner, konzentrierter, näher. „Im Weniger nach Mehr suchen“, sagt er. Mehr Lebendigkeit, mehr Tiefe.
Prozessberater Meinhard Elmer kündigt schnell ein „deutlich verändertes Bild“ an. „Aber Sie können sich weiterhin einbringen“, betont er.
Zahlen, die den Atem stocken lassen.
Bevor es konkret wird, legt das Erzbistum die Fakten auf den Tisch – und sie sind drastisch: Von 35 000 auf 26 000 Mitglieder seit 2005 in Lippstadt – und die Kurve zeigt weiter steil nach unten. Nur fünf Prozent der Mitglieder besuchen noch Gottesdienste. Bis 2060 halbieren sich die Kirchensteuern vermutlich. Schon heute fließen 65 Prozent der Einnahmen in Immobilien – 2034 wären es 80. 2022 gab es noch 398 Priester im Erzbistum. 2040 könnten es nur noch 100 sein.
„So ist das – das ist die Kirche, in der wir leben“, sagt Elmer. „Der Showdown findet nicht nur hier in St. Joseph statt, sondern überall in Deutschland und Europa.“
Im Osten werden alle Kirchen erhalten
Dann wird es konkret – und tatsächlich hat sich das Bild spürbar verschoben.
Was viele nicht erwartet hatten: Im gesamten östlichen Stadtgebiet wird – Plan jetzt – keine einzige Kirche aufgegeben.
Bökenförde: Pfarrheim doch nicht einfach streichen – Wallfahrtsort erfordert neue Gespräche über Erhalt und Nutzung.
Hörste: Pfarrheim „gelb“ – Öffnung für Gruppen, Umstrukturierungen im Ort denkbar. Kirche bleibt, Pfarrer Schöning wohnt weiterhin im Pfarrhaus.
Esbeck: Neuer Vorschlag aus dem Dorf: Pfarrheim durch Trägerverein weiterführen. Dafür könnten Dedinghausen und Rixbeck wie gewohnt bleiben – keine „schlafenden Kirchen“ mehr.
Lipperode/Lipperbruch: Kirchen bleiben, Pfarrheime sollen besser ausgelastet werden. Pfarrhaus in Lipperbruch dauerhaft an Kita GmbH vermietet.
Harte Nüsse im Westen und viel Bewegung
Hellinghausen: Kirche bleibt, Vikarie und Sanitäranlagen sollen für Traukirche mitgenutzt werden.
Overhagen: Pfarrheim und Büro weiter auf Rot. Idee: Kirche umbauen, neue Gruppen- und Proberäume im Kirchenschiff oder Untergeschoss.
Benninghausen: Hoch ausgelastetes, aber sanierungsbedürftiges Pfarrheim. Idee: Kooperation mit neuer Kita – gemeinsames Gebäude statt altem Pfarrheim. Kirche bleibt.
Eickelborn: Weiter schwierig. Mietvertrag mit LWL läuft aus – deshalb Rot. Neue dauerhafte Kirche wäre die Antoniuskapelle, die saniert und aufgewertet werden soll. Pfarrheim bleibt trotz Barriereproblemen, Pfarrhaus teilweise vermietet.
Cappel: Pfarrheim verkaufen – dafür ein kleinerer Ersatzbau. Kirche bleibt.
Zwei Einschnitte in der Kernstadt, zwei Anker
St. Nicolai: Kirche bleibt. Erdgeschoss des Pfarrhauses wird zur Wohnung umgebaut.
St. Elisabeth: Kirche bleibt. Altes Pfarrheim zu groß, marode. Idee: vollständig neuer Bau, eng mit Kirche verzahnt – Familienkirche als Zukunftsbild.
St. Joseph: Überraschende Wendung: Kein Kolumbarium mehr geplant. Stattdessen soll die Kirche selbst zu einem Ort für junge Menschen werden – mit Umbauten, die Aktivitäten aus dem Pfarrheim ins Gotteshaus verlagern. Pfarrheim und Grundstück sollen verkauft werden.
St. Pius: Die bittere Nachricht bleibt: Die Kirche wird aufgegeben. Pfarrheim bleibt als zentraler Ort der Gemeinde, Pfarrhaus soll abgegeben oder vermietet werden. Wie es mit dem Kirchengebäude weitergeht – völlig offen.
St. Bonifatius: Kirche und Pfarrheim bleiben – Stärkung für den Süden.
36 % weniger Fläche – aber Förderung winkt
Verwaltungsleiter Michael Heyer rechnet vor: Wenn alles aus dem zweiten Bild umgesetzt würde, reduziert sich der Gebäudebestand um 36 Prozent. Darin enthalten sind allerdings bereits 15 Prozent, die schon aufgegeben wurden – etwa Büros oder die Antoniuskirche. Der Effekt: Die verbleibenden Gebäude wären nachhaltig finanzierbar und würden weiter vom Erzbistum gefördert.
Als Elmer die Besucher bittet, Ampelkarten in Rot, Gelb, Grün hochzuhalten, passiert etwas Bemerkenswertes: Das Kirchenschiff zeigt fast nur Grün und Gelb. Nur zwei rote Karten für das Gesamtkonzept. Beim Blick in die eigene Gemeinde gibt es vereinzelt mehr Rot – aber kein Stimmungssturz.
Viele scheinen zumindest sagen zu wollen: Es ist hart, aber es ist nachvollziehbar.
In der offenen Fragerunde meldet sich ein Besucher: „Wir reden über Flächen. Aber wie sieht das inhaltliche Konzept der Zukunft aus?“ Pfarrer Wulf verweist auf das Pastoralkonzept – und auf einen Prozess, der sich „im Gehen entwickelt“: Hellinghausen als Hochzeitskirche, Elisabeth als Familienkirche, St. Joseph als Haus der jungen Christen, Bökenförde als Wallfahrtskirche. „Aber vieles bleibt experimentell.“
Und so soll es jetzt konkret weitergehen
Alle Hinweise der Besucher werden erneut gesammelt. Die Projektgruppe trifft sich noch dreimal. Aus dem zweiten Bild soll ein Schlussbild werden. Die finale Präsentation ist für den 17. April 2026 geplant.
Anregungen können weiterhin geschickt werden an: immobilienprozess@katholisch-in-lippstadt.de.“
Quelle: „Der Patriot – Lippstädter Zeitung“ vom Freitag, 12. Dezember 2026