Impuls von Thomas Wulf und Andrea Massem

Geistlicher Impuls für den 5. Fastensonntag

Text: Johannes 11,3-7.17.20-27.33b-45

Kurze Begrüßung

Wir, Frau Andrea Massem und Pastor Thomas Wulf, grüßen sie heute ganz herzlich aus der St. Nicolai Kirche hier in Lippstadt. Wir möchten ihnen in diesen herausfordernden Tagen, in denen wir uns nicht zum Gottesdienst versammeln können, auf diesem Weg einen geistlichen Impuls zum 5. Fastensonntag geben.

  1. Teil: „Herr wärst du hier gewesen“ – Warum das ganze?

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

In jener Zeit

3sandten die Schwestern des Lazarus Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.

4Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.

5Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.

6Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.

7Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.

17Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.

20Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.

21Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

22Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

Ich weiß nicht, ob es ihnen schon mal passiert, zu spät zu kommen? Wir Deutschen gelten ja gemein hin als pünktliches Volk. Zu spät kommen kann peinlich sein. Zum Examen sollte man schon pünktlich sein und zur eigenen Hochzeit auch. Nicht zu spät zu sein bei Entscheidungen, das hat in diesen Tagen noch einmal eine ganz andere Dimension bekommen. Unser Ministerpräsident Armin Laschet hat es mutig auf den Punkt gebracht: „Es geht um Leben und Tod“. Wenn man bei einer Pandemie Entscheidungen zu spät trifft, kann das für andere tödlich sein.

Im Evangelium des 5. Fastensonntags kommt Jesus zu spät. Zwei Tage hat er auf sich warten lassen. Wir können uns gut in die Stimmung der beiden Schwestern einfühlen, die um das Leben ihres Bruders kämpfen. Eine ist beim kranken Bruder, die andere lässt den Blick nicht vom Fenster. Er wird doch kommen? Wieder ein Tag vergeht, bei Lazarus steigt das Fieber und von Jesus keine Spur und das Schicksal nimmt seinen Lauf.  –  Wie vielen Angehörigen geht es in diesen Tagen so in der Sorge um ihre Lieben, in Italien, in Spanien und auch in unserem Land. Ja, wir haben oft versucht den Tod zu verdrängen, aber er ist da. Mitten im Leben und auf einmal so zahlreich, dass einem der Atem stockt. Verständlich, dass im Evangelium die beiden Schwestern Jesus mit einer Mischung aus Vorwurf und Verzweiflung begegnen: „Wärst Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ Wie oft stellen auch in diesen Tagen Menschen diese bohrenden Fragen: „Was wäre gewesen wenn …?“ Oder: „Hätte sich das nicht vermeiden lassen!“

Aber die Worte der Marta gehen über den Vorwurf hinaus: „Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“ Marta schafft es, an ihrem Vertrauen auf Jesus festzuhalten, was für ein fester Glaube in dieser Situation. In unseren, fast unwirklichen Tagen, in denen das Leben unserer Städte und Ortschaften erstirbt, viele Geschäfte und Betriebe nicht wissen, ob sie überleben und Menschen Angst haben, möge der Glaube uns ein solches Vertrauen, eine solche Kraft und Zuversicht schenken.

Teil: „Da weite Jesus“ – Jesus leidet mit

23Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.

25Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,

26und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?

27Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

33bJesus war im Innersten erregt und erschüttert.

34Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!

35Da weinte Jesus.

36Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!

Ich habe in den vergangen Tagen in Berichten Bilder von Menschen gesehen, die in der Sorge oder in der Trauer um Angehörige die Tränen nicht zurückhalten konnten. Sicher gibt es viele, denen mit Blick auf ihr Unternehmen, mit Blick auf ihren Arbeitsplatz zum Heulen zumute ist. Wie gut ist es, weinen zu können, wenn der Druck zu groß wird. Tränen der Verzweiflung, Tränen der Trauer, Tränen der Wut, der Fassungslosigkeit, auch Tränen der Einsamkeit, der Ohnmacht dürfen geweint werden.

Ist es nicht ein großer Trost, dass das Evangelium an diesem Sonntag von einem weinenden Christus spricht. Er nimmt die Trauer der Anwesenden auf und leidet mit ihnen. Er steht nicht über der Trauer, sondern mittendrin. Seine Tränen fließen genau wie die der anderen. Dieser Sonntag trägt auch den Namen „Passionssonntag“ – mit ihm beginnt die Passionszeit, in der wir auf das Leiden Christi schauen, auf sein Mit-leiden mit allen menschlichen Schwächen, Abgründen und Schicksalen. Der Blick auf ihn lässt uns spüren, dass Gott in unsere Welt gekommen ist, um göttlich-menschlich an unserer Seite zu gehen, an unserer Seite zu stehen, gerade wenn es schwer wird.

Musik: Stück von Van Eyck auf der Blockflöte

  1. Teil: „Komm heraus“ – österliche Erfahrung

37Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?

38Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

39Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.

40Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.

43Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!

45Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

Die Auferweckung des Lazarus ist ein Vorausschau auf die Auferstehung Jesu. Derjenige, der hier einen Menschen dem Tod entreißt, dieser Jesus wird am Ostermorgen selber den Tod endgültig besiegen, das ist die größte Zuversicht, die uns Christen gegeben ist, die Hoffnung aller Hoffnungen.
Aber sicher gibt es auch schon Ostererfahrungen in unserem Alltag. Wenn Menschen neu in den Blick geraten und Hilfe erfahren, die man vielleicht schnell übersehen hat, in der Nachbarschaft, in der Verwandtschaft. Wenn in Gemeinden neue Solidarität und Hilfsbereitschaft entsteht, wenn man kreative Lösungen sucht für Dinge, die selbstverständlich waren und plötzlich nur gemeinsam zu meistern sind.

Für neues, österliches Leben steht für mich in dem Evangelium ein Satz besonders, die markante Aufforderung Jesu: „Lazarus, komm heraus!“. Vielleicht wird dies für viele in diesem Jahr die österlichste Erfahrung überhaupt, wenn nach dem Abschwächen der Pandemie Menschen, die sich jetzt in ihren Wohnungen zurückziehen müssen, zugerufen werden kann „Komm heraus“. Erwarten wir zuversichtlich und geduldig dieses österliche „Komm heraus“. Amen.

Gebet:

Guter und barmherziger Gott! In Zeiten von Verunsicherung und Krankheit kommen wir gemeinsam zu Dir und werfen alle unsere Sorgen auf Dich. Du schenkst uns neue Zuversicht, wenn uns Misstrauen und Unsicherheit überwältigen. Du bleibst uns nahe, auch wenn wir Abstand voneinander halten müssen. Wir sind in deiner Hand geborgen, selbst wenn wir den Halt zu verlieren drohen. Wir bitten dich: für alle Menschen, die sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben und erkrankt sind; für alle Angehörigen, die in tiefer Sorge sind; für alle Verstorbenen und für die, die um sie trauern; für alle, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben und um ihre Existenz fürchten. Sei ihnen allen nahe, gib ihnen neue Hoffnung und Zuversicht, den Verstorbenen aber schenke das Leben in deiner Fülle. Wir bitten dich: für alle Ärztinnen und Ärzte, für alle Pflegenden in den Kliniken, Heimen und Hospizen; für alle, die Verantwortung tragen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft; für alle, die uns Tag für Tag mit dem Lebensnotwendigen versorgen; für alle Seelsorgerinnen und Seelsorger, die den Menschen Gottes Frohe Botschaft zusagen. Sei auch ihnen nahe und schenke ihnen Kraft, Mut und Zuversicht. Wir bitten dich: für die jungen Menschen unter uns, die Kinder und Jugendlichen, für alle, die um ihre Zukunft fürchten, für die Familien, die die erzwungene Nähe nicht gewohnt sind, für alle, die die Betreuung von Kindern und Jugendlichen übernommen haben. Sei ihnen allen nahe, schenke ihnen Geduld und Weitsicht, Verständnis und Hoffnung. Wir bitten dich: für die Menschen weltweit, deren Gesundheit an jedem Tag gefährdet ist, für alle, die keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können, für die Menschen in den Ländern, die noch stärker von der Krankheit betroffen sind. Sei ihnen allen nahe und schenke ihnen Heilung, Trost und Zuversicht. Auch bitten wir dich für uns selbst: Lass uns trotz aller Sorgen den Blick für die anderen nicht verlieren und ihnen beistehen. Mache uns bereit, Einschränkungen in Kauf zu nehmen und lass uns dazu beitragen, dass andere Menschen nicht gefährdet werden. Erhalte in uns die Hoffnung auf dich, unseren Gott, der uns tröstet wie eine liebende Mutter und der sich aller annimmt. Dir vertrauen wir uns an. Dich loben und preisen wir, heute und alle Tage unseres Lebens bis in Ewigkeit. Amen.

Wir hören eine Improvisation von Harduin Boeven auf das Passionslied „Holz auf Jesu Schulter“ – mit dem schon österlichen Kehrvers „Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehen.“

Thomas Wulf

Leitender Pfarrer und Dechant

Ignaz-Knievel-Weg 4
59555 Lippstadt
Tel. 02941 / 58 371
pastor.wulf@t-online.de